Frauen sind heute bei der Geburt eines Kindes im Schnitt 31 Jahre alt. Was das für ihre Fruchtbarkeit bedeutet, erklärt Prof. Dr. Jan-Steffen Krüssel.

Als Leiter des Kinderwunschzentrums der Uniklinik Düsseldorf – kurz Unikid – verhilft Prof. Dr. Jan-Steffen Krüssel pro Jahr rund 500 Eltern mit unerfülltem Kinderwunsch zu einem Baby.

Warum entscheiden sich Paare immer später für Kinder?

„Ich denke, die Entscheidung, aktiv in die Familienplanung einzusteigen, fällt oft relativ spät. Viele Paare wollen – verständlicherweise – zunächst die beruflichen und finanziellen Voraussetzungen dafür schaffen, bevor sie sich entscheiden, schwanger zu werden. Gerade berufstätige Frauen befürchten einen „Karriereknick“ durch Schwangerschaft und Elternzeit. Für das Eintreten einer Schwangerschaft spielt das Alter der Frau jedoch eine entscheidende Rolle!“

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Wie beeinflusst das Alter eine mögliche Schwangerschaft?

„Es kann gar nicht oft genug betont werden, welche große Rolle die biologische Uhr beim Kinderwunsch spielt. Auch wenn es durchaus große individuelle Unterschiede gibt, ist die generelle Tendenz völlig klar. Sind die Schwangerschaftsraten bis zum Alter von 32 Jahren noch relativ konstant hoch, so sinken die Chancen schwanger zu werden danach kontinuierlich ab. In gleichem Maße nimmt das Risiko zu, dass eine Schwangerschaft nicht ausgetragen wird, sondern leider als Fehlgeburt endet.“

Womit hängt die nachlassende Fruchtbarkeit zusammen?

„Der Grund liegt hauptsächlich in der Alterung und der Verringerung der Eizellenanzahl. Diese geht mit einer drastischen Abnahme der Eizellqualität einher. Jede der circa 400.000 Eizellen einer Frau wurde bereits während der Embryonalphase angelegt. Das Altern der Eizellen führt letztlich dazu, dass das Risiko für Chromosomenstörungen innerhalb der Eizelle steigt. Jede Eizelle durchläuft einige Stunden vor dem Eisprung ihre letzte Reifeteilung, wobei die Anzahl der Chromosomen innerhalb der Eizelle reduziert werden muss, um eine Befruchtung zu ermöglichen. Hierbei kommt es dann bei Eizellen älterer Frauen häufiger zu Verteilungsstörungen der Chromosomen, so dass sich die entstehenden Embryonen oft nicht richtig entwickeln und einnisten.“

Sind wir über den Faktor „Alter“ richtig informiert?

„Offensichtlich wird die Bedeutung dieses Phänomens oft verkannt. Eine repräsentative Umfrage des Allensbach-Institutes zeigte dies in erschreckender Weise. Auf die Frage: „Ab welchem Alter wird es für die Frau schwieriger schwanger zu werden?“ antworteten 28 Prozent „ab 35 Jahren“, 40 Prozent „ab 40 Jahren“ und 14 Prozent sogar „ab 45 Jahren“. Dabei zeigen Untersuchungen, dass bereits viele Frauen über 30 Jahren eine verminderte Fruchtbarkeit haben.“

Wann ist das beste Alter, um schwanger zu werden?

„Die maximale Fruchtbarkeit hat die Frau mit 23 Jahren. Das muss natürlich auch in die berufliche Planung passen, aber bis 35 sollte die Familienplanung wirklich angegangen, wenn nicht sogar schon erfüllt sein. Unter 35 sind die Chancen, schwanger zu werden, relativ gut. Über 35 werden die Chancen rapide schlechter, weil die Qualität und die Anzahl der Eizellen geringer werden und dann sollte man auch spätestens professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.“

Wie sieht es bei den Männern aus?

„Meine Herren, die gute Nachricht ist: Die Zeit ist bei Männern nicht der entscheidende Faktor! Die Zeugungsfähigkeit des Mannes wird durch den Zeitfaktor nicht so stark beeinflusst. Die Spermienqualität bleibt oft bis ins hohe Alter relativ konstant, da die Spermien alle drei Monate neu gebildet werden.“

Wie lange sollten Paare auf eine Schwangerschaft warten?

„Das kommt natürlich ein bisschen auf die Zeit an. Man sollte jedem Paar zugestehen, dass es erst einmal eine gewisse Zeit alleine übt. Aber wenn bei einer Frau unter 35 nach einem Jahr keine Schwangerschaft eingetreten ist, dann sollte spätestens die Frauenärztin oder der Frauenarzt aufgesucht werden. Da können zum Beispiel einfache Untersuchungen gemacht werden und die können die Weichen stellen in die eine oder andere Richtung. Über 35 würde ich Ihnen empfehlen, spätestens nach einem halben Jahr professionelle Hilfe aufzusuchen.“

Wie viel Zeit vergeht, bis Paare in ein Kinderwunschzentrum kommen?

„Leider oft zu viel! Generell gilt, dass möglichst bald die Ursachen der ungewollten Kinderlosigkeit geklärt werden sollten. Bei der Frau erfolgt eine Hormonbestimmung sowie eine Ultraschalluntersuchung der Gebärmutter und der Eierstöcke. Es kann aber gar nicht genug betont werden, dass die Untersuchung des Mannes mindestens so wichtig ist wie die der Frau. Schließlich sind die Ursachen des unerfüllten Kinderwunsches ziemlich gleich auf die Geschlechter verteilt. Daher gehört eine Spermaanalyse (Spermiogramm) unbedingt an den Anfang einer Behandlung.“

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