Diplom-Psychologin Doris Wallraff begleitet seit vielen Jahren Paare mit unerfülltem Kinderwunsch.

Im Interview erzählt sie, wie Paare trotz unerfülltem Kinderwunsch zusammenhalten und ihre Ziele verwirklichen können – ob es nun das Wunschkind ist oder ein Plan B. Auch einen Ratgeber hat sie mit herausgegeben.

In welcher Situation kommen die meisten Paare zu Ihnen?

„Das ist sehr unterschiedlich. Manche Paare kommen bereits relativ früh, wenn sie merken, dass der unerfüllte Kinderwunsch zur Belastung wird. Andere kommen erst, wenn alle Methoden der Reproduktionsmedizin erfolglos geblieben sind und sie sich mit einer endgültigen Kinderlosigkeit abfinden müssen. Die meisten Paare aber kommen parallel zu einer Kinderwunschbehandlung zu mir. Häufig ist der Auslöser ein besonderer Rückschlag, beispielsweise die erste erfolglose IVF-Behandlung.“

Wie offen gehen die Paare mit ihrem Fruchtbarkeitsproblem um?

„Auch das ist ganz verschieden. Es gibt Paare, die mit niemandem darüber sprechen und das Thema nur untereinander teilen. Andere Paare gehen völlig offen damit um und erzählen jedem davon. Am häufigsten besprechen die Paare das Thema nur mit Eltern, Geschwistern und ausgewählten Freunden, während sie im weiteren Bekanntenkreis und am Arbeitsplatz das Thema vermeiden.“

Was raten Sie: Sollte man Eltern oder enge Freunde einweihen?

„Generell ja. Es ist eine enorme Herausforderung für die Partnerschaft, wenn ein Paar alles nur mit sich selbst ausmacht. Angehörige bieten oft Unterstützung an, so dass die Betroffenen Trost finden. Für die meisten Paare ist es auch eine Entlastung, nicht immer Ausreden finden oder lügen zu müssen. Zudem stößt das eigene Verhalten auf größeres Verständnis, wenn andere wissen, was einen belastet. Sie nehmen es dann nicht mehr persönlich, wenn sich zum Beispiel die Frau nicht in der Lage sieht, eine Familie mit neugeborenem Baby zu besuchen.“

Warum ist Unfruchtbarkeit heute immer noch tabuisiert?

„Das hat zum einen sicherlich mit der Verbindung von Fruchtbarkeit und Sexualität zu tun. Zum anderen erleben viele Paare eine eingeschränkte Fruchtbarkeit als beschämend. In ganz vielen Beratungen erzählen mir die Paare, dass sie das Gefühl haben, zu versagen, weil sie keine Kinder bekommen können – die vermeintlich einfachste Sache der Welt.“

Haben Sie den Eindruck, dass sich die Situation auch durch prominente Vorbilder verbessert?

„Das ist meiner Meinung nach ein zweischneidiges Schwert: Sicherlich tragen prominente Vorbilder dazu bei, dass dieses Thema mehr in die Öffentlichkeit kommt und das ist gut so. Das Thema wird dadurch weniger tabuisiert und auch nicht betroffene Menschen werden dafür sensibilisiert. Allerdings verstärken späte Schwangerschaften prominenter Frauen auch den Eindruck, dass mit Hilfe der Reproduktionsmedizin heute jede Frau schwanger werden kann. Selten wird erwähnt, dass eine Schwangerschaft per Eizellspende zustande kam oder welche anderen Mühen dahinter stehen. Leider werden die Erfolge der Reproduktionsmedizin ohnehin schon überschätzt, während das psychische Leiden der Betroffenen unterschätzt wird.“

Wie unterscheiden sich Männer und Frauen in ihrem Umgang mit ungewollter Kinderlosigkeit?

„Häufig leiden Frauen offensichtlicher an der ungewollten Kinderlosigkeit. Sie zeigen mehr Emotionen und haben ein größeres Bedürfnis, darüber zu sprechen. Das hat auch körperliche Gründe: Frauen werden in jedem Monat unmittelbar damit konfrontiert, sie erleben die Enttäuschung wenn die Menstruation einsetzt und die aufwändige und teure Behandlung umsonst war. Worunter Männer gleichermaßen leiden sind häufig negative Veränderungen der Sexualität, der Partnerschaft und des sozialen Umfelds. Was die Männer jedoch meist zusätzlich sehr belastet, ist es, hilflos mit ansehen zu müssen, wie unglücklich ihre Frauen sind und nicht wirklich etwas dagegen tun zu können.“

Welche ethischen Fragen der Therapien besprechen Sie mit den Paaren?

„In meinen Beratungen kommen viele ethische Fragen zur Sprache. Häufig fragen sich die Paare, wie sehr man in das Zeugungsgeschehen eingreifen darf. Was manche auch beschäftigt, ist die Frage, was mit überzähligen Embryonen geschieht. Bei Gametenspende steht für viele Paare die Frage im Vordergrund, ob eine Zeugung mithilfe von Zellen Dritter für sie selbst und für ein Kind zumutbar ist und ob sie ihr Kind über die Art ihrer Entstehung aufklären sollten. Wenn eine Schwangerschaft glückt, entstehen manchmal leider auch neue Fragestellungen, etwa die nach einer selektiven Mehrlingsreduktion oder einem Schwangerschaftsabbruch nach pränatalem Befund.“

Wann raten Sie Paaren, die Kinderwunschbehandlungen aufzugeben?

„Ich gebe bei so folgenreichen Entscheidungen selten explizite Ratschläge. Grundsätzlich kann ausschlaggebend sein, dass die Situation unerträglich wird. Bei manchen Paaren entsteht irgendwann das Gefühl, keine weitere erfolglose Behandlung mehr erleiden zu können. Eine Faustregel ist, wenn die Angst dauerhaft größer als die Hoffnung ist. Dann macht es keinen Sinn, weiterzumachen. Sehr viele Paare befürchten, sie könnten sich eines Tages vorwerfen, nicht alles versucht zu haben. Doch aufgrund der medizinischen Fortschritte ist ‚alles‘ schier endlos. Ich versuche grundsätzlich solchen Paaren einen anderen Blick auf die Welt zu eröffnen, der weniger vom Leistungsdenken unserer Gesellschaft geprägt ist und auch die Fähigkeit wertschätzt, das Leben so anzunehmen wie es ist und das Beste daraus zu machen.“

Mit welchen Strategien bewältigen die Betroffenen dann ihr kinderloses Leben?

„Manche Paare entwickeln eine größere Fürsorglichkeit für sich selbst. Irgendwann geht es nicht mehr darum, ein Ziel zu erreichen, sondern die eigene seelische Gesundheit zu retten. Die Strategie ist, das Schicksal anzunehmen und wieder Ja zum Leben zu sagen. Eine andere Strategie ist, zunächst einen neuen Lebensplan zu entwickeln, eine Perspektive zu haben, die dann oft mit viel Tatkraft umgesetzt wird.“

Warum ist es für viele Paare so schwer zu akzeptieren, kinderlos zu bleiben?

„Ein Kind zu bekommen, steht für sehr vieles. Für die meisten Menschen ist es ein entsetzlicher Verlust, den Traum vom eigenen Kind aufzugeben. Kinder zu bekommen ist so normal – keine zu haben, bedeutet häufig, außen vor zu sein, nicht mitreden zu können. Es ist schwer auszuhalten, sein Leben nicht selbst gestalten zu können. Häufig muss die gesamte Lebensplanung verändert werden. So haben viele Frauen schon einen Beruf gewählt der sich gut mit Kindern vereinbaren ließe, sind in ein Haus gezogen, in dem sie ohne Kinder gar nicht leben möchten. Bleibt das Kind aus, entsteht eine riesige Lücke, die nicht so leicht zu schließen ist. Kinderlos zu bleiben, ist ein existentielles Thema, das große Fragen aufwirft: Wer wird im Alter für mich da sein? Was ist der Sinn meines Lebens? Welche Spuren kann ich hinterlassen?“

Was können Sie als Therapeutin bieten, was Freunde und Familie nicht leisten können?

„Zunächst biete ich einen sehr geschützten Rahmen und habe Schweigepflicht. Betroffene müssen nicht fürchten, dass sie mich mit ihren Sorgen belasten. Hinzu kommt natürlich meine Erfahrung mit dem Thema. Ich kann konkrete Informationen und Tipps weitergeben. Es ist für manche entlastend, von mir zu hören, dass vieles, was sie erleben, ganz normal ist in dieser Lebensphase, etwa der Neid auf alle Schwangeren und das Bedürfnis sich zurückzuziehen. Nicht zuletzt bietet eine psychosoziale Beratung die Möglichkeit, persönliche Themen hinter der ungewollten Kinderlosigkeit zu besprechen und Lösungen zu finden. Umgekehrt kann jedoch auch eine Therapeutin die liebevolle Unterstützung von Angehörigen nicht ersetzen. Im Idealfall erhalten Betroffene Rückhalt sowohl von Freunden und Familie als auch von einer psychosozialen Fachkraft.“

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