Der Verein Spenderkinder setzt sich dafür ein, dass Spenderkinder früh über ihre Entstehungsweise aufgeklärt werden. Ein ausführliches Interview mit Anne, Gründungs- und Vorstandsmitglied des Vereins.

Wie offen gehen Eltern heutzutage mit einer Samenspende um?

„Erfreulicherweise gibt es Eltern, die ihre Kinder ganz bewusst über ihre Entstehung aufklären. In einer aktuellen Metaanalyse konnte zwischen 1996 und 2015 aber keine steigende Tendenz zur Aufklärung von Spenderkindern bestätigt werden. Es wird also immer noch oft geschwiegen. Das Verschweigen kann im Laufe der Jahre zu einer Belastung für die ganze Familie werden. Viele Spenderkinder berichten, sie hätten schon früh gespürt, dass irgendetwas nicht stimme. Manche haben selbst angefangen, nachzuforschen. Die Eltern sind häufig besorgt, dass sich durch die Aufklärung ihre Beziehung zum Kind verschlechtern könnte. Und nicht zuletzt bedeutet ein offener Umgang auch, dass die Unfruchtbarkeit des Mannes offengelegt wird. Das ist immer noch ein sehr schambesetztes Thema. Weswegen die Aufklärung so wichtig ist, erläutern wir ausführlich auf unserer Homepage.“

Wie offen gehen Spenderkinder in ihrem Umfeld damit um?

„Das ist ganz unterschiedlich. Manche jüngere Kinder schenken dem Thema zunächst so gut wie keine Aufmerksamkeit, während andere ganz selbstverständlich im Kindergarten erzählen, dass sie zum Spenderkindertreffen fahren. Später ist es ein Thema, über das sich viele Spenderkinder gerne mit anderen austauschen, in erster Linie mit engen Freunden oder Partnern. Einige Spenderkinder berichten, dass ihnen insbesondere der Austausch mit anderen Spenderkindern gut tue, weil sie sich dort mit ihren Fragen und Erlebnissen wiedergefunden hätten.“

Für die Eltern ist es ein Wunschkind. Sind Spenderkinder darüber genauso glücklich?

„Der Begriff ‚Wunschkind‘ im Zusammenhang mit Reproduktionsmedizin soll wohl den Eindruck erwecken: Das Kind ist besonders gewollt und soll für seine Entstehung dankbar sein. Trotz der Vorstellung, dass Spenderkinder ganz besonders gewollt sind, mussten einige auch andere Erfahrungen machen: Das, was sich die Eltern wünschten, war ein gemeinsames Kind. Ein Spenderkind ist das nicht. Es bringt fremde Anteile mit. Nicht alle Wunscheltern kommen mit den langfristigen Herausforderungen dieser Form der Familiengründung zu dritt zurecht. Während der Wunsch der Eltern nach einem Kind ganz klar im Vordergrund steht, sind die Bedürfnisse vieler Wunschkinder nur in begrenztem Rahmen erwünscht – etwa wenn es um die Suche nach dem genetischen Vaters geht. Wir haben uns zu dem Thema Elternwunsch auch in einem Beitrag auf unserer Homepage Gedanken gemacht.“

Welche Konflikte können zwischen Kindern und Eltern entstehen?

„Eltern und Kinder nehmen völlig verschiedene Positionen im Familiensystem ein. Die Eltern haben sich ein Kind gewünscht – zu zweit. Dass an diesem Kind noch ein anderer Mann ‚dranhängt‘, war meistens so nicht gewünscht. Das wird auch in der Beratung aus unserer Sicht viel zu wenig thematisiert. Die Bezeichnung ‚Spender‘ reduziert den beteiligten Menschen auf seine gewünschte Funktion. Aber dieser Mensch ist der genetische Vater des Kindes. Aus Sicht des Kindes kann es sehr wichtig sein, auch diesen Menschen kennenzulernen und eine Beziehung zu ihm aufzunehmen. Das kann für die Eltern sehr schmerzhaft sein, weil sie dadurch wieder damit konfrontiert werden, dass ein Kind zu zweit eben nicht möglich war.“

Steht das Kind zwischen zwei Vätern?

„Das könnte man so sagen. Der soziale Vater wünscht sich, vom Kind als Vater anerkannt zu werden. Das ist verständlich – für das Kind aber auch eine große Verantwortung. Auch wenn die Eltern das Kind bei der Kontaktaufnahme mit dem Spender unterstützen, spürt es, dass es seinen genetischen Vater nicht lieber mögen darf, als seinen sozialen Vater. Das ist eine schwierige Auflage, weil die Güte zwischenmenschlicher Beziehungen nun mal nicht allein durch guten Willen beeinflusst wird. Für das Kind kann sich daraus ein Loyalitätskonflikt ergeben.“

Ist es empfehlenswert, sich auf die Suche nach dem Spender zu machen?

„Ein Spenderkind sollte sich bei dieser Frage an seinem eigenen Bedürfnis orientieren. Studien zufolge möchten aber über 80 Prozent der Spenderkinder im Laufe ihres Lebens ihren genetischen Vater kennenlernen. Nicht alle erleben dieses Bedürfnis sofort, manche entdecken es erst im Erwachsenenalter. Auch die Gründung einer eigenen Familie kann ein Zeitpunkt sein, an dem das Interesse spürbar wird. Die Suche ist häufig sehr aufwendig, weil in den wenigsten Fällen unmittelbar Auskunft erteilt wird. So läuft die Suche automatisch nebenbei, mal mehr, mal weniger intensiv.“

Welche „Beziehungen“ können sich zum Spender ergeben?

„Das einzige, was man sicher dazu sagen kann, ist, dass man im Vorhinein nicht festlegen kann, was für eine Beziehung sich entwickelt. Die Spenderkinder aus unserem Verein, die das Glück hatten, ihren genetischen Vater kennenzulernen, berichteten positiv davon. Bei manchen kam es zu häufigerem Kontakt, es entstand auch eine soziale Beziehung. Bei anderen blieb der Kontakt eher distanziert, was vermutlich zum Teil auch auf eine Überforderung der Spender zurückzuführen ist. Deshalb ist es so wichtig, dass Männer, die Samen spenden, damit daraus Menschen entstehen, sich vorab intensiv mit den psychosozialen Folgen ihrer Entscheidung auseinandersetzen.“

Was kann der Verein Spenderkinder Betroffenen bieten?

„Alle Mitglieder des Vereins Spenderkinder sind selbst durch eine Samenspende entstanden. Wir fördern den persönlichen Austausch von Spenderkindern untereinander. Außerdem können wir bei der Kontaktaufnahme mit Ärzten oder Samenbanken helfen. Seit Ende 2011 verwenden wir den DNA-Test FamilyFinder der amerikanischen Firma Family Tree DNA, um Halbgeschwister und Spender zu identifizieren. Wir hatten bereits einige Halbgeschwister-Treffer und sogar Spenderkind-Treffer über diese Datenbank.“

Was halten Sie von dem jüngst beschlossenen Register für Samenspender?

„Der Bundestag hat im Mai die Einrichtung eines zentralen Samenspenderregisters beschlossen. Die Daten der Samenspender und der Empfängerinnen sollen 110 Jahre lang gespeichert werden. Menschen, die meinen, durch eine Samenspende entstanden zu sein, können eine Anfrage an das Register stellen. Aus unserer Sicht ist das sehr zu begrüßen. Den bisherigen Spenderkindern nützt das neue Gesetz jedoch kaum. Sie müssen sich weiter an Ärzte und Samenbanken wenden und die Herausgabe ihrer Unterlagen einklagen. Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, nicht auch die bereits vorhandenen Dokumentationen in das Register zu überführen. Es besteht deutlicher Erweiterungsbedarf des Gesetzes. Zum Beispiel sollte bereits im Geburtsregister vermerkt werden, dass ein Kind durch Samenspende entstanden ist und idealerweise der Name des genetischen Vaters eingetragen werden. Nur mit wahrheitsgemäßen Angaben über die genetische Herkunft können unwissentliche Ehen zwischen nahen Verwandten verhindert werden.“

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