Haben Stoffe wie Weichmacher einen Einfluss auf die Spermien-Qualität? Professor Dr. Timo Strünker von der Universität Münster über den Stand der Forschung.

Es sind nicht irgendwelche Chemikalien, mit denen sich Professor Dr. Timo Strünker vom Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie an der Universität Münster beschäftigt. Der Forscher hat mit einem Team aus deutschen und dänischen Wissenschaftlern eine Reihe von hormonell wirksamen Chemikalien untersucht. Einige davon schädigen die Samenzellen tatsächlich. Doch Professor Strünker warnt vor Panikmache und spricht sich eher für einen bewussten Gebrauch aus.

Welche Chemikalien schädigen Spermien besonders?

Wir haben die hundert am weitesten verbreiteten hormonell wirksamen Alltagschemikalien untersucht und dabei festgestellt: Rund 30 Prozent davon wirken sich direkt auf die Spermien-Qualität aus. Sie stören zum Beispiel das Schwimmverhalten der Samenfäden oder greifen ihren Kalzium-Haushalt an. Unter diesen Stoffen sind etwa UV-Blocker, wie sie in Sonnencremes vorkommen, oder Biozide, die in manchen Zahnpastas vorhanden sind. Aber auch Weichmacher, Insektizide und Wachstumshormone aus der Tiermast.“

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Was genau konnten sie nachweisen?

Dass diese Chemikalien, wenn sie im Labor auf Spermien treffen, die Zellen empfindlich in ihrer Funktion stören. Was bisher noch niemand nachgewiesen hat, obwohl manche Schlagzeilen aus den Medien diesen Eindruck erwecken: dass die Stoffe auch im menschlichen Körper die Produktion der Spermien so stark beeinflussen, dass es zu Störungen der männlichen Fruchtbarkeit kommt. Es gibt Hinweise darauf, aber eben noch keinen Nachweis.“

Verschlechtern diese Stoffe die durchschnittliche Fruchtbarkeit?

Den genannten hormonell wirksamen Chemikalien kann man nur schwer ausweichen, denn sie sind praktisch überall. Je nach Land ist der Cocktail, dem wir ausgesetzt sind und aufnehmen, leicht unterschiedlich. Es gibt die Hypothese, dass dieser Chemie-Cocktail mit dafür verantwortlich ist, dass in der westlichen Welt die durchschnittliche Spermien-Qualität zurückgeht – doch das behandeln wir in der Wissenschaft immer noch als Hypothese, an der weiter geforscht wird. Bis heute ist bei etwa der Hälfte der Männer, die als unfruchtbar gelten, die Ursache unklar.“

Wie wirken sich die Chemikalien im weiblichen Körper aus?

Das ist eine interessante Frage, denn im weiblichen Körper treffen die Spermien ja auch auf einen Chemie-Cocktail. Möglicherweise können sie in ihrer Funktion dort ebenfalls eingeschränkt werden – aber auch das ist noch nicht hinreichend erforscht. Was wir hingegen aus Tierversuchen wissen ist, dass männliche Föten durch den Einfluss hormonell wirksamer Stoffe im Mutterleib verweiblichen können. Eine Folge davon ist zum Beispiel der Hodenhochstand, der unbehandelt später zu Störungen der Fruchtbarkeit führen kann.“

Wie sollte man im Alltag mit diesen Chemikalien umgehen?

Man kann den Kontakt damit nicht gänzlich verhindern – aber Grund zur Panik besteht auch nicht. Es ist sicher sinnvoll, alle Arten von billigem Plastik zu meiden. Vor allem, wenn die Gegenstände stark riechen – denn was man da einatmet, sind oft genau diese schädlichen Weichmacher. Produkte wie UV-Filter in Sonnencreme sollte man auch nicht streichen, denn was ist die Konsequenz? Am Ende erhöht sich mit Sicherheit das Hautkrebsrisiko, nur um vielleicht die Fruchtbarkeit leicht zu verbessern. Das steht einfach in keinem ‚Kosten-Nutzen‘ Verhältnis.“

Was ist mit Plastikverpackungen von Lebensmitteln?

Hier ist die Industrie natürlich hellhörig geworden, da Weichmacher ja schon länger im Verdacht stehen. Inzwischen müssen alle neuen Chemikalien, die auf den Markt kommen, auf ihre Unbedenklichkeit getestet werden, dürfen also auch nicht hormonell wirksam sein. Plastikflaschen zum Beispiel enthalten heute im Gegensatz zu früher in aller Regel keine Weichmacher mehr – das Wasser interessanter Weise allerdings oft schon. Und zwar egal, ob man es in Plastik- oder in Glasflaschen kauft. An irgendeiner Stelle gelangen die Weichmacher hinein.“

Wie geht es in der Forschung weiter?

Wir haben bisher einzelne Chemikalien separat mit Spermien in Kontakt gebracht und ihre Wirkung untersucht. Als nächstes schauen wir uns den Einfluss dieser Chemie-Cocktails an. Verstärkt sich die schädigende Wirkung dadurch oder hebt sie sich sogar auf? Wir erhoffen uns natürlich auch möglichst bald Antworten darauf, ob die Chemikalien schon die Produktion der Spermien in den Hoden stören können – doch hierfür werden aufwändige Versuche nötig sein.“

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