Das Polyzystische Ovarsyndrom (PCOS) ist eine der häufigsten Fruchtbarkeitsstörungen. Eine Schwangerschaft ist aber durchaus möglich.

Frauen, die von PCOS betroffen sind oder diesen Verdacht haben, müssen sich einer umfangreichen Diagnostik unterziehen. Untersucht werden nicht nur die Eierstöcke, sondern vor allem die Hormone im Blut – denn die sind oft deutlich in Schieflage, was zusätzlich zur gestörten Fruchtbarkeit auch zu Übergewicht, Diabetes, Akne, Haarausfall auf dem Kopf sowie verstärktem Haarwuchs am Rest des Körpers führen kann. Die Symptome sind jedoch bei jeder Frau unterschiedlich.

Prof. Dr. Christoph Keck ist Ärztlicher Leiter des endokrinologikum Hamburg und sitzt im Wissenschaftlichen Beirat der PCOS Selbsthilfe Deutschland. Im Interview verrät er, welche Kriterien für eine Diagnose erfüllt sein müssen, an wen betroffene Frauen sich wenden sollten und was ihnen bei einem unerfüllten Kinderwunsch helfen kann.

Wie viel Prozent der Frauen sind betroffen?

„Das ist je nach Weltregion etwas unterschiedlich, aber in Mitteleuropa sind fünf bis acht Prozent aller Frauen von PCOS betroffen – doch viele wissen gar nichts davon. Je nachdem, wann welche Symptome auftreten, gehen die Betroffenen erst sehr spät zum Arzt. Hinzu kommt, dass viele Gynäkologen sich mit den Kriterien für PCOS auch nicht gut auskennen oder den Aufwand der Diagnostik und der Behandlung scheuen.“

Wann landen Frauen mit PCOS beim Arzt?

„Viele kommen zu uns, wenn sie unerklärlich stark zunehmen oder ihre Periode sehr unregelmäßig kommt oder sogar ganz ausbleibt. Frauen, die jahrelang die Pille genommen haben, haben natürlich von Problemen mit dem Eisprung gar nichts mitbekommen. Das PCOS ist dadurch ‚maskiert’ worden. Daher erscheinen viele Frauen auch nach Absetzen der Pille bei uns, wenn das Thema Kinderwunsch ansteht und sie nicht schwanger werden.“

Wenn der Frauenarzt nicht weiterhilft, wo soll man dann hingehen?

„Frauen mit Verdacht auf PCOS sollten das am besten in einer Abteilung für gynäkologische Endokrinologie abklären lassen. Dort arbeiten Hormonexperten, die sich in jedem Fall mit dem Syndrom auskennen. Solche Fachabteilungen gibt es allerdings relativ selten, meistens sind sie Teil von Universitätskliniken oder Kinderwunschzentren.“

Ab wann fällt die Diagnose PCOS?

„Um die Diagnose zu stellen, müssen zwei von folgenden drei Kriterien auf die Patientin zutreffen: Sie muss unter einer Oligomenorrhoe oder Amenorrhoe leiden – also unregelmäßige oder keine Periodenblutungen haben –, zu viele männliche Hormone im Blut haben und die typischen Eierstockzysten, die dem PCOS auch seinen Namen verliehen haben, aufweisen. Um das festzustellen, muss die Frau ihren Zyklus beobachten, der Arzt macht dann einen Hormonstatus des Blutes und einen Ultraschall der Eierstöcke.“

Ist Übergewicht keines der Kriterien?

„Nein, ausdrücklich nicht. Bei manchen Frauen führt das PCOS zu starker Gewichtszunahme, schlechtem Hautbild und Haarausfall auf dem Kopf bzw. männlicher Körperbehaarung am Rest des Körpers aufgrund des meistens erhöhten Testosteronwerts. Doch ich sehe auch oft genug schlanke Frauen mit reiner Haut und vollem Haar in meiner Praxis, die dennoch die Kriterien für PCOS erfüllen.“

Christoph Keck_Text

Was lässt sich über Ursachen für PCOS sagen?

„Es ist rein genetisch bedingt. Umweltfaktoren oder gar der Lebenswandel führen nicht zu PCOS – es ist also niemals die Schuld der Patientin. Bei vielen Frauen lässt sich feststellen, dass es eine genetische Disposition in der Familie gibt. Jede Frau mit PCOS sollte sich also im Familienkreis umschauen, ob dort Frauen mit den bekannten Symptomen oder mit unerfülltem Kinderwunsch vorhanden sind.“

Was erwartet Frauen mit PCOS, die einen Kinderwunsch haben?

„Bei vielen Betroffenen ist die Eizellreifung gestört, sie haben seltene oder gar keine Eisprünge, was eine spontane Schwangerschaft zunächst einmal sehr unwahrscheinlich, wenngleich auch nicht unmöglich macht. Beim Endokrinologen oder Kinderwunschzentrum werden als erstes die Hormone betrachtet und ein möglicher Überschuss an männlichen Hormonen wird ausgeglichen. Als nächster Schritt hilft es oft schon, den Eisprungs durch Hormongaben auszulösen. Da die Eierstöcke von Frauen mit PCOS lange Zeit sehr inaktiv sind, reagieren sie oft sehr gut und manchmal sogar zu gut auf die Hormone – deswegen fängt man mit geringen Dosen an und überprüft sehr engmaschig.“

Würden Sie sagen, jede Frau mit PCOS kann mit den heutigen Methoden schwanger werden?

„Ja, definitiv. Sobald ein Eisprung natürlich erfolgt oder künstlich eingeleitet wird, ist die Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft genauso hoch wie bei einer gesunden Frau. Wenn es dann nach einer gewissen Zeit immer noch nicht geklappt hat, schafft die künstliche Befruchtung weitere Chancen.“

Was sollten Frauen mit PCOS unternehmen, wenn der Kinderwunsch abgeschlossen ist?

„Das hängt vom genauen Krankheitsbild und den individuellen Zielen ab. Wenn die Frau sich gut fühlt und mindestens drei-viermal im Jahr eine Blutung hat, besteht aus medizinischer Sicht kein zwingender Grund zu einer dauerhaften Behandlung. Liegt aber eine eindeutige Stoffwechselstörung vor, hilft das Medikament Metformin, das den Blutzuckerspiegel senkt. Die Einnahme führt außerdem oft dazu, dass der Körper wieder mehr Eisprünge produzieren kann. Bei einem Überschuss an Testosteron und einem Mangel an Östrogen hilft die Einnahme der Pille. Manchen Patientinnen ist auch aus psychischen Gründen eine Behandlung wichtig, etwa wenn sie stark zunehmen oder viele Haare verlieren.“

Wie entwickelt sich PCOS im Laufe des Lebens?

„Das Syndrom ist chronisch und besteht ein Leben lang. Es ist jedoch auch dynamisch, das heißt die Symptome können im Laufe der Zeit besser oder schlechter werden. Auch in den Wechseljahren müssen Frauen mit PCOS sehr aufmerksam sein, da sie ohnehin einen geringen Östrogenspiegel haben. In den Wechseljahren sinkt der noch einmal zusätzlich ab, was zu Osteoporose führen kann. Für Frauen mit PCOS kann daher auch in diesem Alter die Einnahme von Östrogenen noch sinnvoll sein.“

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