Vor ein paar Tagen bin ich über einen ZEIT-Artikel gestolpert. „Gute Gründe gegen Kinder“, lese ich in der Überschrift. Ich frage mich, ob ich nach dem Lesen womöglich zu den Frauen gehöre, die ihre baldige Mutterschaft bereuen #regrettingmotherhood.

Der Text dreht sich um die Ergebnisse einer Studie des Delta-Instituts für Sozialforschung, an der 18 bis 40-jährige Frauen teilgenommen haben. Das Ergebnis sei ein „Panorama weiblicher Verunsicherung“. Was alle befragten Frauen eine, sei die Sorge um das Geld: „Den einen fehlt es akut, andere zwingt es in einen unerwünschten Rollenwechsel: Frauen ohne Kinder beobachten im Freundeskreis, dass Paare in traditionelle Rollen verfallen, sobald Nachwuchs da ist. (…) Deshalb sei ihnen klar: Wenn sie sich für Kinder entscheiden, bedeutet das ein geringeres Einkommen und höhere Kosten, und damit für sie ein höheres Risiko für Altersarmut.“

Freiheit als Zumutung?

Eine Grafik veranschaulicht die als Zumutung umgedeutete Wahlfreiheit: Während vor der Familiengründung annähernd gleich viele Männer wie Frauen in Vollzeit arbeiten, sind nur 22 Prozent der Frauen mit Kindern, aber 90 Prozent der Männer mit Kindern in Vollzeit angestellt.

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© 2016 ZEIT ONLINE

 

Das lässt doch eine Reihe von Fragen zu: Zwingt irgendwer die Frauen dazu, ihre Arbeit zu reduzieren? Zwingt irgendwer die Männer dazu, es nicht zu tun? Und: Wäre fehlende Wahlfreiheit zwischen Kindererziehung und Vollzeiterwerbstätigkeit die bessere Alternative? Ich finde: Die Familienaufgaben und einen gerechten (auch finanziellen) Ausgleich kann jeder innerhalb seiner Partnerschaft finden – wenn nicht, wäre vielleicht eher der Partner anzuklagen, als die äußeren Umstände. Dass der Kuchen an Zeit, Energie und Geld größer wird, wenn auf einmal die Lebensaufgabe Kind dazu kommt, kann ja wohl niemand erwartet haben – oder?

Es folgt: Das große Jammern

In einem anderen ZEIT-Artikel wird eine Mutter zitiert, was sie am Muttersein so schwer aushalte: „den Druck der Verantwortung, den Verlust von Selbstbestimmung und Freiheit, die Überforderung, die fehlende Zeit für sich selbst, die Neuordnung mit dem Partner, die Veränderung des eigenen Körpers, ein chronisches Schlafdefizit, die Wut über die mangelnde Unterstützung, die ständige Sorge um das eigene Kind, die Unsicherheit und die Zweifel, eine gute Mutter zu sein, die große Anstrengung, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren, der ständige Stress…“.

Für einen kurzen Moment fragt man sich, wie locker-leicht ihr Leben denn vorher war. Glückwunsch an alle, die ohne Kinder ein Leben ohne wenigstens einige dieser aufgezählten Belastungen führen – darf ich da mal Mäuschen spielen?

Krönchen richten, weitergehen!

Eins muss ich ja zugeben: Beim Thema Mutterschaft bin ich auch nicht frei von Ängsten. Der werdende Vater übrigens auch nicht, vielleicht hat er sogar Ängste auf noch höherem Niveau. Wir wissen nicht, was auf uns zukommt und die um Jahrzehnte zurückliegenden Erfahrungen unserer Eltern kommen uns verstaubt und verklärt vor.

Um zu mehr Zufriedenheit zu kommen, streiche ich den Betriff Karriere aus meinem Denken und nenne es einfach Arbeiten – so gut das mit den Familiepflichten eben gehen wird. Natürlich ordnet sich gerade vieles neu: Wir brauchen mehr Platz, mehr Planung und was ist mit dem Job? Tausend Fragen, eine Welt für sich – doch ich mache lange Listen und immer mal wieder ein Häkchen. Wir werden das Kind schon schaukeln!

Bei allem, was mir neu und kompliziert erscheint, werden mir auch viele Privilegien bewusst, die es hier und heute gibt: Ich genieße Mutterschutz. Kann bis zu drei Jahre Elternzeit wählen. Bekomme Kindergeld, ein Vierteljahrhundert lang. Wer sich das unter den aktuellen Konditionen einmal ausrechnet (188 Euro pro Monat, 25 Jahre lang) kommt auf einen stolzen Betrag von 56.400 Euro. Das sind alles noch relativ neue Errungenschaften – früher hat man auch Kinder bekommen, ohne all das!

Darum heißt es Kinderwunsch

Diese ganze Diskussion erinnert mich an einen Spruch, den ich auf einer Postkarte entdeckt habe: „Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe.“ Vielleicht ist es das, was beim Kinderwunsch unterm Strich übrig bleibt: Nicht die Summe der Erleichterungen und Unterstützungen, sondern die Stärke des Wunsches.

Wer schon einmal den Infoabend in einem Kinderwunschzentrum miterlebt hat, spürt den Unterschied schnell: Hier sitzen Menschen, denen der Kinderwunsch viel Zeit, Energie und Geld wert ist – und zwar noch bevor überhaupt ein Kind geboren wurde. Sie jammern nicht, sondern fragen nach den Möglichkeiten. Das macht den Unterschied. (Lena Wilde)

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